Kranke Mitarbeiter – arbeiten oder ins Bett?!

Ein Fachartikel von Achim Jaeger

 

Veröffentlicht in der Fachzeitschrift für persönlichen Arbeitsschutz und Berufsbekleidung, Ausgabe Juni 2013


Eine ganze Zeit lang haben Verbände und Politiker die stetig sinkende Zahl von Krankheitstagen unter Arbeitnehmern bejubelt. Dieser Index wurde von manchen Vertretern jener Gruppen offensichtlich als Gratmesser für Faulheit interpretiert.


Ganz nach dem Motto: Nur ein Mitarbeiter, der auch krank zur Arbeit erscheint, ist ein tüchtiger Mitarbeiter. Dieser Geist ist schon lange bei den Arbeitnehmern angekommen. Millionen von ihnen erscheinen trotz Krankheit am Arbeitsplatz. Gründe dafür sind unter anderem grenzenloser Arbeitseifer, übersteigertes Pflichtgefühl oder einfach die Angst vor Jobverlust.


Der daraus entstandene Fachbegriff lautet Präsentismus (von Präsenz = Anwesenheit). Mit Präsentismus wird in der Arbeitsmedizin das Verhalten von Arbeitnehmer bezeichnet, trotz Krankheit am Arbeitsplatz zu erscheinen. Sprich: „Egal wie schlecht es mir geht und wie unproduktiv ich dadurch bin oder ob ich damit Kollegen anstecke – Hauptsache ich sitze pünktlich auf meinem Stuhl.“ Doch dieses falsche Pflichtbewusstsein schadet dem Arbeitnehmer selbst, den Kollegen und vor allem dem Arbeitgeber.


Hohe Kosten


Eine Studie der Beratungsgesellschaft Booz & Company im Auftrag der Felix-Burda-Stiftung aus dem Jahr 2011 zeigt auf, dass Präsentismus doppelt so hohe Kosten verursacht wie krankheitsbedingte Fehlzeiten. Die Berechnung in der Studie zeigt außerdem: Der durch reine Fehlzeiten bedingte Betrag von 1.199 Euro pro Mitarbeiter und Jahr erfasst nur rund ein Drittel der Kosten, die tatsächlich in deutschen Unternehmen durch Krankheit anfallen. Der erheblich höhere Teil entsteht dadurch, dass Arbeitnehmer trotz Krankheit am Arbeitsplatz erscheinen.


Die eingeschränkte Einsatzfähigkeit vermindert die Arbeitsqualität, erhöht die Fehleranfälligkeit und die Anzahl von Unfällen. Eine Verzögerung der Genesung kann zu chronischen Erkrankungen und auch zum so genannten Burnout führen. Die Kosten, die durch Präsentismus entstehen, lassen sich auf jährlich 2.399 Euro pro Kopf beziffern. Für den Arbeitgeber steigen damit die krankheitsbedingten Kosten pro Arbeitnehmer auf 3.598 Euro jährlich. Hochgerechnet auf alle deutschen Unternehmen sind im Jahr 2009 somit Kosten in Höhe von etwa 129 Milliarden Euro angefallen. Der volkswirtschaftliche Schaden, gemessen als Bruttowertschöpfungsausfall, belief sich auf 225 Milliarden Euro. Das entspricht neun Prozent des Bruttoinlandsproduktes in Höhe von zirka 2,4 Billionen Euro.


Präsentismus vs. Absentismus


Das Gegenteil vom Präsentismus ist Absentismus = die krankheitsbedingte Abwesenheit. Gesetzlich sind Arbeitnehmer dazu verpflichtet, ihren Arbeitgeber unverzüglich zu informieren, wenn sie wegen Krankheit ausfallen. Die übliche Praxis hierzu ist, dass Mitarbeiter bei krankheitsbedingter Abwesenheit nach drei Tagen ein ärztliches Attest vorlegen müssen. Die meisten Arbeitnehmer nutzen diese Möglichkeit bei Erkältungen. Anstatt sofort den Hausarzt zu belagern und stundenlange Wartezeiten auf sich zu nehmen, kurieren sie sich ein bis zwei Tage zu Hause aus.


Attest ab dem ersten Tag


Manch einer nutzt diese Regelung jedoch auch zum so genannten „blau machen“ aus. In diesem Zusammenhang sorgte ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts Erfurt (Az.: 5 AZR 886/11) für Furore. Hierin heißt es, dass Arbeitgeber auch schon am ersten Tag der Krankheit die Vorlage eines ärztlichen Attests verlangen können und dies nicht begründen müssen. Trotz eindeutiger Rechtslage für den Arbeitgeber und der Möglichkeit, ein ärztliches Attest ab dem ersten Krankheitstag einzufordern, ist die gängige Praxis bei den meisten Unternehmen nach wie vor dieselbe wie bisher. Wer ab und zu gern „blau macht“ sollte sich allerdings bewusst sein, dass der Arbeitgeber künftig zu solchen Maßregelungen greifen darf. In Anbetracht der bereits aufgezeigten Kosten für Präsentismus ist es kostentechnisch auch sehr ratsam, mit ärztlichen Attesten ab dem ersten Krankheitstag sparsam umzugehen.


Tipps zur Kostenreduzierung


Die folgenden Tipps helfen Mitarbeitern und Unternehmen, die Kosten durch Präsentismus und Absentismus zu reduzieren und eine gute Unternehmenskultur auch – oder vielleicht gerade – im Krankheitsfall zu führen:

  • Schaden begrenzen! Wer zugunsten weniger Tage eine verschleppte Krankheit mit Fehlzeiten von Wochen oder Monaten riskiert, schadet sich und seinem Unternehmen. Eine gute Führungskraft macht diese Tatsache seinen Mitarbeitern klar.
  • Krankheit zulassen! Ein guter Chef hat Verantwortungsgefühl gegenüber seinen Mitarbeitern. Zeigen Sie einem kranken Kollegen, dass sie seinen Zustand bedauern. Geben Sie ihm das Gefühl, auch einmal krank sein zu dürfen. Er wird diese Haltung als Wertschätzung seiner Person empfinden. Umso motivierter kehrt er nach seiner Genesung zurück.
  • Sei mal schwach! Eine Leistungsgesellschaft duldet keine Schwächen. Eine Führungskraft mit Weitblick schon – denn sie weiß, dass man nicht immer voll auf dem Damm sein kann. Raten Sie offensichtlich angeschlagenen Mitarbeitern, sich auch mal zu schonen.
  • Bin ich gesund? Als Führungskraft erfüllen Sie eine Vorbildfunktion. Überprüfen Sie daher selbst einmal kritisch, in welchem Zustand Sie sich an den Arbeitsplatz schleppen.
  • Mach Dich bloß vom Acker! Wer krank ist, gehört ins Bett. Schicken Sie im Zweifelsfall eine „röchelnde Bronchitis“ nach Hause. Die Kollegen werden registrieren, dass Sie Ihre Verantwortung ernst nehmen und positiv reagieren.
  • Du bist der Nächste! Es gibt durchaus Krankheiten, die leicht übertragbar sind und aufgrund falschen Pfl ichtbewusstseins ganze Abteilungen lahm legen können. Wenn Sie es zulassen, dass ansteckende Bazillenschleudern ihr Unternehmen bevölkern, riskieren Sie einen gefährlichen Dominoeffekt.
  • Irgendwann kommt’s ganz dick! Wenn Sie Mitarbeiter dazu anstacheln, auch bei schwerer gesundheitlicher Belastung zu arbeiten, leisten sie Langzeitkrankheiten wie Burnout und Depression Vorschub.

Wenn Sie Ihren Mitarbeitern das Gefühl geben, dass sie wegen einer Krankheitsphase nicht geächtet werden, können Sie nur gewinnen: Der kranke Kollege merkt durch Ihre Sorge, dass er über seine reine Arbeitskraft hinaus geschätzt wird und begreift sich und seine Gesundheit als wertvolles Gut. Sein Dank ist ein Plus an Motivation und somit ein Plus an Unternehmenserfolg.

 

In diesem Sinne: Eine gesunde Einstellung zum Kranksein wünscht Ihnen


Ihr Achim Jaeger


Die Experten für Verkaufstraining, Vertriebstraining, Kommunikationstraining, Teamtraining!

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